Tolles menschliches Miteinander

Nach und nach kommen viele Flüchtlinge auf dem deutschen Arbeitsmarkt an. Mehrere Flair Hoteliers beschäftigen bereits Flüchtlinge oder bieten ihnen einen Ausbildungsplatz.

Gestern Abend hat er die letzten Gäste an der Rezeption begrüßt, heute jongliert er gekonnt ein Tablett mit Getränken durchs Restaurant im Flair Hotel Zum Stern in Oberaula. Der 22-jährige Auszubildende zum Hotelfachmann scherzt mit den Gästen und nimmt weitere Bestellungen auf. „Mir macht das alles hier wahnsinnig Spaß“, sagt er und strahlt. Der junge Mann ist ein engagierter Azubi und für das Flair Hotel Zum Stern ein ganz besonderer. Denn Mohammad Wallo ist ein Flüchtling aus Syrien, kam 2015 mit der großen Flüchtlingswelle nach Deutschland, und ist der erste Flüchtling, der im Flair Hotel Zum Stern eine Ausbildung begonnen hat.

„Hier bei uns in Oberaula gab es ein Haus, in dem 15 Männer aus Syrien untergebracht waren“, erzählt seine Chefin Elke Lepper. Es bildete sich eine Arbeitsgemeinschaft mit dem Ziel, die Männer zu integrieren. Diese arbeitete eng mit Jobcenter und Ämtern zusammen, organisierte Deutschkurse am Ort und bot den Männern an, einfach mal in örtliche Betriebe reinzuschnuppern. Dazu mussten natürlich die Betriebe gewonnen werden. „Weil die Arbeitsgemeinschaft alle arbeitsrechtlichen und versicherungstechnischen Dinge geregelt und sogar einen Gesundheitsnachweis mit den Männern gemacht hat, habe ich gedacht, wir tragen unseren Teil dazu bei, dass die Gesellschaft mit den vielen Flüchtlingen klarkommt“, erinnert sich Elke Lepper. „Ich habe nie gedacht, dass sowas daraus entsteht“, gibt sie zu.

Das war eigentlich eine Good-Will-Aktion.

sagt Elke Lepper.

So kam Mohammad Wallo 2015 zunächst als Praktikant ins Haus – und überzeugte. Es folgte eine einjährige Einstiegsqualifizierung. Das ist eine Fördermöglichkeit der Bundesagentur für Arbeit für Flüchtlinge, bei der sie schon an Ausbildungsinhalte herangeführt werden und ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen können. „Ich habe gewusst, dass ich gut Deutsch können muss“, sagt Mohammad Wallo, der mittlerweile am Tresen steht und die bestellten Getränke einschenkt. Also hat er bereits in dieser Zeit Deutschkurse absolviert und ordentlich gebüffelt. „Die Prüfung für B2-Niveau habe ich schon geschafft“, erzählt er stolz. Diese Niveaustufe gilt als Voraussetzung für die Aufnahme einer Berufsausbildung oder qualifizierten Tätigkeit. Elke Lepper konnte einen so engagierten Mann nicht mehr gehen lassen. „Er ist ein Glücksgriff“, schwärmt sie. Seit August 2017 ist er nun ihr Auszubildender und es läuft prima. Dank seiner guten Deutschkenntnisse lernt Mohammad Wallo in der Berufsschule mit der normalen Klasse.

Gerade bringt Khalil Saloukka frische Gläser aus der Spülküche. Der 30-Jährige ist ebenfalls syrischer Flüchtling. Er wechselt ein paar Worte mit seinem Landsmann, räumt dann die Gläser ins Regal. „Er tut sich mit der deutschen Sprache nicht so leicht“, sagt Elke Lepper. „Es reicht nicht, um am Gast zu arbeiten.“ Trotzdem hat sie auch ihn nach seiner Schnupperzeit Vollzeit eingestellt – als „Mädchen für alles“. Elke Lepper ist von „ihren“ Flüchtlingen überzeugt. Klar sei sie skeptisch gewesen, auch was die Gäste davon halten. Es habe aber viele positive Reaktionen gegeben.

Das liegt am guten Benehmen der Männer.

sagt die Chefin vom Flair Hotel Zum Stern.

In einem anderen Restaurant, in einem anderen Flair Hotel bedient zur selben Zeit Basel Albitar. Der 25-jährige Syrer arbeitet als Minijobber im Service des Flair Hotels Alter Posthof in Spay. „Aber im Juli fange ich hier mit meiner Ausbildung zum Restaurantfachmann an“, erzählt er von seinen Zukunftsplänen. Erzählen kann er prima, denn seine Deutschkenntnisse sind sehr gut. „Ich muss die B2-Prüfung nur noch bestehen, die Kurse habe ich schon alle gemacht“, sagt der engagierte Mann, der auch in seiner Heimat schon in einer Bar gearbeitet hat.

Der junge Syrer kam vor etwa drei Jahren nach Deutschland. „Meine Familie musste ich in Damaskus zurücklassen“, erzählt er wehmütig. „Auf Empfehlung einer Bekannten, die Flüchtlingshelferin ist, ist er als Praktikant zu uns ins Hotel geschickt worden“, berichtet Hotelleiterin Andrea Rüdell. Sie und ihr Team waren bald von dem neuen Mitarbeiter angetan. „Das ist so ein toller junger Mann, da haben wir schnell entschieden, dass er bei uns anfangen kann“, sagt die Hotelchefin. Er sei nicht nur kompetent, sondern äußerst liebenswert. „Der ist direkt bei uns allen im Herzen drin.“ Und auch die Gäste seien ganz begeistert von dem Servicemitarbeiter, der mittlerweile in einer eigenen Wohnung im benachbarten Boppard wohnt. Dafür nimmt seine Chefin „das Hin und Her mit der Arbeitsagentur“ gerne in Kauf. „Da gibt es immer wieder mal falsche oder widersprüchliche Informationen.“ Es kenne sich eben noch keiner richtig mit der Situation aus.

Eine Ausbildung machen – das ist auch das langfristige Ziel von Nourolhagh Walizada. Der 20-Jährige kam 2015 alleine aus Afghanistan nach Deutschland. Seine Familie mit Geschwistern blieb dort zurück. Über Stuttgart und Tauberbischofsheim ist er schließlich in Bad Mergentheim gelandet, wo er mit vielen anderen Flüchtlingen in einer Art WG lebt. Betreut wird der Afghane von der Jugendhilfe Creglingen. „Wir hatten dort mal angegeben, dass wir für Praktikanten aus Flüchtlingsländern offen sind“, erzählt Daniela Heimberger aus dem Flair Hotel Weinstube Lochner im Bad Mergentheimer Ortsteil Markelsheim. Vor kurzem war es dann soweit. Nourolhagh Walizada startete ein zweiwöchiges Schnupperpraktikum.

Er kocht wahnsinnig gerne.

sagt Daniela Heimberger über den jungen Afghanen.

Allgemein ist der Praktikant sehr an der Gastronomie interessiert. Die Inhaberin vom Flair Hotel Weinstube Lochner ist jetzt schon von dem jungen Mann begeistert und will ihn als Langzeitpraktikanten weiterbeschäftigen. „Er kann sehr gut mit Menschen umgehen“, sagt sie. „Außerdem ist er extrem höflich und zuvorkommend, sehr fleißig und auch wissbegierig.“ Das ist für sie viel wert, auch wenn seine Deutschkenntnisse noch nicht optimal sind. Er gehe trotzdem auf die Gäste zu, serviert zum Beispiel Getränke. Ziel ist, dass der junge Mann ab September eine zweijährige Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe beginnt. „Wenn alle Ämter mitmachen.“ Diese Ausbildung ist ein Jahr kürzer und etwas einfacher als die Ausbildung zum Hotelfachmann. Bis dahin muss der junge Afghane aber noch sein Deutsch verbessern. Das geht er zielstrebig an. „Er geht einen Tag in der Woche zum Deutschkurs in Bad Mergentheim und ist nur vier Tage bei uns im Hotel“, erklärt seine Vorgesetzte.

Flair Hotel Neeth

Familie Neeth freut sich über die internationale Verstärkung.

Qudret Karimi ist da schon einen Schritt weiter. Der 21-jährige Afghane steckt bereits mittendrin in der Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe, die er im Flair Hotel Neeth in Lehmkuhlen absolviert. Im August 2017 hatte er zunächst die Ausbildung zum Hotelfachmann begonnen. „Das war aber zu schwer“, sagt der junge Mann schweren Herzens. „Weil die Sprachbarrieren einfach da sind“, ergänzt Hotelleiterin Silvia Neeth. So wechselte er zu der einfacheren Ausbildung. Geplant ist jedoch, das dritte Jahr zum Hotelfachmann noch anzuhängen. „Bis dahin sind seine Sprachkenntnisse sicher schon viel besser“, ist seine Chefin, die ihn für die Sprachkurse stundenweise freistellt, zuversichtlich.

Der junge Afghane war seit etwa fünf Jahren nicht mehr in seiner Heimat. „Meine Familie fehlt mir schon sehr“, sagt er. Über den Iran ging es für ihn in die Türkei, dann weiter über Griechenland nach Deutschland. 2016 kam er über eine Flüchtlingsbetreuerin ins Hotel der Familie Neeth. „Sie hatte uns vorgeschlagen, einem jungen Asylbewerber eine Chance zu geben“, erzählt Silvia Neeth. „Da war ich gleich Feuer und Flamme.“ Der 21-Jährige begann ein Langzeitpraktikum mit anschließender Einstiegsqualifizierung. Dann musste es plötzlich schnell gehen. Die Abschiebung drohte.

„Afghanistan gilt als sicheres Herkunftsland“, weiß der Flüchtling um seine Situation. Doch seine Chefin setzte alle Hebel in Bewegung, damit er bleiben konnte. „Ich habe viel telefoniert, mit dem Ausbildungsvertrag gewunken und argumentiert, dass unser Azubi absolut integrationswillig ist“, erinnert sich Silvia Neeth. Sie wollte dem engagierten jungen Mann helfen und ihn nicht im Hotel verlieren. Denn gute Lehrlinge im Gastgewerbe zu finden sei heutzutage schwierig. Und sie hatte Erfolg. Qudret Karimi durfte seine Ausbildung antreten. Mittlerweile teilt er sich mit einem Freund eine eigene Wohnung in Preetz, spielt im örtlichen Verein Fußball. Und auf der Arbeit läuft es super. „Hier muss man zwar richtig arbeiten, aber es macht viel Spaß“, sagt er. Sein freundliches Wesen kommt auch bei den Gästen gut an.

Der junge Azubi ist nicht der einzige Flüchtling der im Flair Hotel Neeth einen Arbeitgeber gefunden hat. Drei Männer aus Syrien unterstützen das Team in Teilzeit in Anlernberufen. Ein Vollzeit-Arbeitsverhältnis ist geplant. „Wenn sie schon etwas älter sind, wollen viele keine Ausbildung mehr machen“, erklärt Silvia Neeth. Sie suchten sich kleine Jobs neben den Sprachkursen. Aus Minijobs würden manchmal Teilzeitstellen, manchmal sogar Vollzeitstellen. „Preetz und Lehmkuhlen haben eine tolle Flüchtlingshilfe“, erzählt sie. Ehrenamtliche Betreuer lesen Stellenanzeigen, wägen ab, was zu ihren Flüchtlingen passt und vermitteln dann. So sei der Kontakt entstanden. „Manchmal passt es vielleicht nicht“, sagt die Hotelchefin. „Aber bei unseren jetzigen Mitarbeitern passt es super.“ Alle seien fleißig, sehr höflich und brächten sich ins Team ein. „Es ist ein tolles menschliches Miteinander und eine Bereicherung.“ Kleinere kulturelle Probleme könne man meistern. „Letztes Jahr hat uns der Ramadan erschreckt“, weiß Silvia Neeth noch. Einige muslimische Mitarbeiter mussten kürzer treten oder konnten nur zu bestimmten Zeiten arbeiten. Wenn das gleich mehrere Angestellte betrifft, kann es schwierig werden. „Das sind vier Wochen, die wir planen müssen.“

Daniel Reuner vom Flair Hotel Reuner in Zossen beschäftigt keine Flüchtlinge aus Kriegsgebieten. Trotzdem sind bei ihm zwei junge Frauen aus Nepal gelandet, die nach einem Jahr als Au-pair in Deutschland nicht mehr in ihre Heimat zurück wollten. „Sie flüchten vor der Armut“, erklärt Daniel Reuner. „Die zwei haben in armseligen Hütten gewohnt, ohne fließendes Wasser.“ Seit September 2017 machen Manju Kharal und Renu Karki bei ihm eine Ausbildung zur Hotelfachfrau.

Sie machen sich sehr gut.

freut sich Daniel Reuner.

Schwierigkeiten mache Flüchtlingen in der Ausbildung meist die Sprache, sagt er. „Entweder man braucht vorher einen wirklich guten Sprachkurs oder hat eine Berufsschule, die sich auf Flüchtlinge eingestellt hat“, erklärt Reuner. Letzteres ist bei ihm der Fall. Die beiden 21- und 25-jährigen Frauen besuchen eine Berufsschule in Potsdam, die eine Flüchtlingsklasse anbietet. Dort gibt es extra Sprachunterricht, und es wird besonders Wert auf die deutsche Sprache gelegt. „Wir mussten nachweisen, dass sie Arbeit, einen festen Wohnsitz und ausreichend Essen haben und genügend Geld für den Lebensunterhalt verdienen“, berichtet Reuner. „Sonst hätten sie nicht bleiben dürfen.“ Daniel Reuner sorgt dafür, dass es so ist: Die beiden wohnen und essen bei ihm im Hotel. Trotzdem gibt es immer wieder Schwierigkeiten mit Behörden. „Das ist manchmal schon herausfordernd, weil keiner Erfahrung damit hat und jeder einem etwas anderes sagt.“ Trotzdem will Daniel Reuner dran bleiben. Im nächsten Jahr stellt er einen afrikanischen Flüchtling ein, der eine Ausbildung zum Koch machen will. Der 19-jährige Charifou Aboubacar aus Benin hat schon ein Praktikum in der Küche gemacht und dabei überzeugt.

Armut war auch für den 26-jährigen Duong Truong der Grund seiner Heimat Vietnam den Rücken zu kehren und nach Deutschland zu kommen. Sascha Schwarze vom Flair Hotel Waldfrieden – wie die

Geschäftsführer Sascha Schwarze mit vietnamesischen Azubis

meisten Gastronomen und Hoteliers geplagt vom Mangel an guten Auszubildenden – hatte sich bei einer vietnamesischen Vermittlerin informiert, wie die Voraussetzungen für die Vermittlung eines vietnamesischen Lehrlings sind. Unter anderem sollte er ihm Kost und Logis stellen. „Ich hatte aber wenig Zimmer und konnte keines opfern“, erinnert sich Sascha Schwarze. „Da hat man mir einen Praktikanten gegeben.“ So landete Duong Truong bei ihm. „Und in nur wenigen Tagen hat er mit einer ganz tollen Arbeitseinstellung Aufwind in die Küche gebracht“, sagt der Hotelier begeistert. So schuf er alle Voraussetzungen, um den Praktikanten zum Auszubildenden zu machen. „Wir haben einen früheren Lagerraum im Hotel zu einem Zimmer mit wohnlicher Atmosphäre umgebaut“, erzählt er. „Da wohne ich jetzt“, freut sich Duong Truong, der seine Ausbildung zum Koch im September 2017 begonnen hat. Sprachliche Barrieren seien zwar da, aber alle überschaubar. „Wenn jemand sprachliche Barrieren hat, aber arbeiten will, ist das hilfreicher, als wenn jemand Deutsch spricht, aber nicht arbeiten will“, sagt der Chef. Für die Motivation und das Klima im Team sei der 26-jährige Vietnamese ein Glückstreffer. Wenn es früher mal Genörgel über das ein oder andere gegeben habe, sei es jetzt ganz still, wenn Duong Truong aus seinem früheren Leben und den Lebensumständen in Vietnam erzählt. „Man bekommt plötzlich mit, dass das bei uns alles keine wirklichen Probleme sind“, sagt Sascha Schwarze.

Mit Gastronomie hatte der Vietnamese früher zwar nichts am Hut. „Aber die Ausbildung macht mir Spaß und ich kann mir eine weitere Zukunft in der Gastronomie vorstellen“, blickt der junge Mann nach vorne. „Er genießt, dass er hier auf offene Arme stößt“, sagt Sascha Schwarze. Bei einem internen Abend im Hotel durfte er schon ein Gericht aus seiner Heimat kochen. „Es heißt übersetzt ´Fische fliegen zum Himmel´ und hat allen geschmeckt“, ist der angehende Koch stolz. Es ist geplant, dass er seine Kultur irgendwann auch im Restaurant kulinarisch mit einbringen kann. „Etwas gewöhnungsbedürftig ist manchmal die asiatische Philosophie, alles zu bejahen“, erzählt Sascha Schwarze. Einmal habe er seinem Auszubildenden erklärt, dass man aus Kloßmasse, die man normalerweise nach einem Tag wegwerfen muss, noch Bratklöße machen kann. Deshalb sollte er die Masse nicht entsorgen. „Er hat das bejaht und die Kloßmasse im Anschluss in die Mülltonne geschmissen“, schmunzelt der Hotelier. „Aber weil er sonst ein so toller Azubi ist, kann man ihm nicht böse sein.“

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